„303“ Essay: Die deutsche Antwort auf Richard Linklater

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Es war der letzte Tag vor den Sommerferien, in dem Jahr, in dem das Leben auf den Kopf gestellt wurde und Jule und Jan sich verliebten. 

Ein Indie-Song lief im Radio, als der Motor ansprang. Goldgelbe Felder zogen in Sekundenschnelle an ihnen vorbei, als der Van über die Landstraßen fuhr, und je länger sie in die Landschaft starrten, desto mehr verschwammen die Ränder. Eben noch waren sie Fremde, verbunden durch das Schicksal, jetzt reisten sie gemeinsam – beide mit einer Mission vor Augen und der Ungewissheit, was vor ihnen lag. Weg von Deutschland, hinunter nach Belgien, Frankreich, Spanien und Portugal. Die Sterne funkeln nachts über ihnen, eine leichte Brise weht durch das Fahrzeug, sobald sie die Fenster herunterkurbeln und die Arme ausstrecken, Sonnenaufgänge und -untergänge ziehen an ihnen vorbei.

Copyright : © Kahuuna Films

Sie diskutierten über Wirtschaft und die Sitten der Steinzeitmenschen, darüber, was Liebe wirklich bedeutet und warum körperliche Nähe allein noch keine Beziehung auf Dauer ausmacht. Jan betonte, dass er seit seiner letzten Beziehung Angst hatte, sich zu nähern, aber er wusste schon, dass Jule es bereits geschafft hatte, über seine aufgebaute Mauer zu klettern. Die Luft war weich, sie war trocken und knisternd. Immer wieder verdrängten sie den Gedanken, sich dem anderen zu nähern. Er sah sie an, unsicher, was sie dachte.

Manchmal waren sie laut, alberten miteinander herum, manchmal sagten sie kein Wort zueinander, obwohl unzählige Raketen in ihnen explodierten. Sie steckten einfach den Kopf in den Nacken und waren sich einig, dass der andere einen vielleicht besser verstand als alle anderen. Es stimmt, die Menschen werden allein geboren und sterben allein, aber es gab diesen Moment, wenn man mit dem richtigen Menschen zusammen war, drehte sich das Universum nur um einen und man wollte nirgendwo anders sein. Man war genau richtig, wo man war. Ein Gefühl von Zuhause. Angekommen zu sein. Egal wo. Von da an verlangsamte sich die Zeit, beide fragten sich, warum sie immer alles auf einmal fühlten.

Die Sehnsucht, sich näher zu kommen und alles hinter sich zu lassen, war so stark, dass es sie fast zerriss, aber es lag so viel dazwischen – es gab zu viele Gründe, warum es nicht sein sollte. Und während sie sich Sorgen machen, was passieren könnte, wenn sie ihre Ziele erreichen, wird ihnen klar, dass es gar nicht um das Ende geht. Es ist nur der Weg, der zählt. Sie fühlten sich so, wie sie sich ihr ganzes Leben lang fühlen wollten: überschwänglich, wach, mittendrin und unsterblich. Sie sahen sich an, und es gab nichts mehr zu sagen, bevor das Leben begann und die gemeinsamen Erlebnisse sich in ihr Gedächtnis einbrannten.

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Wenn du ein Reisender bist, wenn in deinem Herzen ein Feuer brennt, wenn du jeden Ort auf der Welt „Zuhause“ nennen würdest, aber keiner dir genug geben kann, wenn du immer auf der Suche nach dem Nächsten bist, und wenn du glaubst, dass der andere Teil deiner Seele irgendwo da draußen ist, dann schau dir diesen Film an, der die perfekte deutsche Antwort auf „Before Sunrise“ ist, und du wirst feststellen, dass ein kleines, aber wunderbares Stück Leben neben dir sitzt.

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